Von: Hugo Hügel (X: @hugohuegl); Bild: August Weckesser, 1872
Wo sind sie, die Schweizer Heroen?
Die Entheroisierung erfasste weite Teile der westlichen Welt nach dem zweiten Weltkrieg so stark, dass ab den späten 90er und frühen 2000er Jahren sogar der Begriff des «postheroischen Zeitalters» auftauchte. Dieses ist dadurch geprägt, dass im Denken des westlichen Menschen Helden und Heldentaten nicht nur nicht vorkommen und ihm unmöglich und veraltet erscheinen, sondern vor allem auch dadurch, dass er sie als lächerlich empfindet. Diese Einstellung ist besonders stark verbreitet bei vielen Schweizern. Während in anderen Ländern die Helden vergangener Tage problematisiert und zum Teil während den BLM-Protesten 2020 gestürzt wurden, taugen die wenigen Schweizer Helden, die noch nicht in Vergessenheit geraten sind, allenfalls noch für Folklore und Werbekitsch. Auch ihre Verwendung in politischen Kontexten bedient bestenfalls noch ein folkloristisches Bild und kommt nicht heran an die Dinge, für die diese Helden einst standen: Kampfesmut, Opferbereitschaft und wirkliche Freiheit.
Neben der Neutralität und der langen Abwesenheit bewaffneter Konflikte liegt ein wichtiger Grund dafür, weshalb diese Entwicklung in der Schweiz so verlaufen ist, im liberalen Siegeszug von 1848. Daraus folgte ein wichtiger Wandel im Selbstverständnis der Eliten: der Patrizier, der in fremden Diensten auf den Schlachtfeldern Europas zu Ruhm und Ehren kam, entsprach nicht den Idealen der liberalen, bürgerlichen Gesellschaft. Das Idealbild der neuen Eliten verlangte nach zielstrebigen Unternehmern und fortschrittsgewandten Ingenieuren, denen kein Projekt zu schwer, kein Hindernis zu gross war. Wie kein zweiter verkörperte Alfred Escher diesen Typus, und man täte den Liberalen von damals unrecht, wenn man die Leistungen, die der liberale Händler- und Baumeistergeist vollbrachte, kleinreden würde. Dennoch ging viel verloren mit der Aufgabe des alten, kriegerischen Selbstverständnisses, das die Alte Eidgenossenschaft überhaupt erst geschaffen hat. Die grosse tragische Entwicklung des 19. Jh. für die Schweizer Konservativen bestand auch darin, dass aus den tapferen Hirten- und Bauernsöhnen, die in ganz Europa gefürchtet wurden für ihren Kampfgeist und geschätzt für ihre Treue, Hoteliers und Fremdenführer wurden. Für Helden war in der bürgerlichen Welt kein Platz, und in der Touristenwirtschaft wurden sie zu Folklore für die halbe Welt. Nach dem Ende der geistigen Landesverteidigung geriet selbst die Folklore vielerorts in Vergessenheit. Viele junge Schweizer werden bestens Bescheid wissen über die Zeit des Nationalsozialismus oder die Französische Revolution, aber kaum etwas anfangen können mit Morgarten, Murten oder einem Winkelried. Umso wichtiger wäre es, dass diejenigen, denen dieses Land am Herzen liegt, sich auseinandersetzen mit seiner Geschichte und seinen vergessenen Helden.
Ein solcher vergessener Held ist Alois von Reding. 1765 in Schwyz geboren, diente er wie seine beiden Brüder Theodor und Nazar in der Armee der spanischen Krone und wurde 1794 nach seiner Rückkehr in die Heimat Landeshauptmann von Schwyz. Als im Frühjahr 1798 das revolutionäre Frankreich die Alte Eidgenossenschaft überfiel und Liberale im April die Helvetische Republik ausriefen, stellte er trotz der militärischen Übermacht ein Heer aus der Innerschweiz auf, befreite Luzern und stiess vor ins Berner Oberland und Richtung Aargau. Die von den Liberalen zu Hilfe gerufenen französischen Truppen wurden geschlagen bei Morgarten und Rothenthurm. Angesichts der Übermacht und der eigenen Verluste kapitulierte Reding zunächst. Da viele Orte noch immer feindlich eingestellt waren gegenüber der helvetischen Ordnung, kam es durch die französische Armee zu Bestrafungsaktionen. Die grausamste davon waren die Schreckenstage von Nidwalden, in deren Verlauf hunderte Männer, über hundert Frauen und dutzende Kinder für ihren Widerstand ermordet und das ganze Tal verwüstet wurde. Die ganze Innerschweiz wurde entwaffnet und gedemütigt.
Doch Alois von Reding gab nicht auf und akzeptierte weder Fremdherrschaft noch die Helvetische Ordnung. Als die französische Armee sich im Sommer 1802 zurückzog aus der Helvetischen Republik, sahen von Reding und andere die Stunde gekommen, die Helvetische Ordnung zu stürzen und die alte Freiheit wiederzuerlangen. Abermals organisierte er ein Heer, besiegte die helvetischen Truppen und befreite den Grossteil der Schweiz in vier Wochen. Die wenigen verbliebenen helvetischen Loyalisten zogen sich abermals geschlagen nach Lausanne zurück und mussten wieder um Intervention Frankreichs bitten. Die französische Armee musste die Schweiz mit 30 Bataillons erneut besetzen, von Reding und andere Anführer kamen zeitweise nach Aarburg in Festungshaft.
Wenngleich kein völliger Sieg errungen wurde, konnte Napoleon die Mediationsverfassung durch diese Erhebung abgerungen werden. Weit über die Schweiz hinaus ermutigte dieser Triumph über einen französischen Vasallenstaat des mutigen Alois von Reding und denen, ihm folgten, die Gegner Napoleons – und inspirierte Friedrich Schiller zu seinem Drama Wilhelm Tell. Wer in der Schweiz mehr sieht als gute Uhren, pünktlich fahrende Züge und schöne Touristenorte, der tut gut daran, Alois von Reding nicht zu vergessen.



