Von: Swiss Cheese Fan (X: @ch_cheese_1291). Bild: Die Stadt erhebt sich (The City Rises), Umberto Boccioni, 1910
Im rechten Diskurs haben Städte, insbesondere Grossstädte, keinen guten Stand. Wenn sie erwähnt werden, dann häufig im Kontext von Verwahrlosung, linken Stadtregierungen und dem massenhaften Ansiedeln von aussereuropäischen Migranten. Man schaue sich nur “Radio Genua” an, ein prominenter Vertreter des Medientyps Doom-Porno. Aktuell sind die Ausschreitungen in Paris in aller Munde. Der Niedergang des Abendlandes wird prophezeit. Man glaubt, dass nichts mehr übrig ist von der Stadt ausser Ruinen und Schwarzafrikaner.
Oder man nimmt mit Verblüffung die neuesten Absurditäten aus der Zürcher oder der Berner Stadtregierung zur Kenntnis. Die Stadtzürcher wollen Bargeld an illegale Aufenthalter (nobel “Sans-Papiers” genannt, als wäre der Verlust von Ausweisdokumenten eine Auszeichnung) verteilen. Sie stehen im Dauerkampf gegen Autos und eliminieren Parkplätze und Fahrspuren, bis in die Illegalität. Den Stadtbernern, mit ihrer konsequenten Interpretation von “Als Frau gilt, wer sich als Frau identifiziert,” war diesen Sommer weltweite Publizität sicher. Natürlich wollen sie beide das Klima retten und verfolgen aggressive und kostspielige Netto-Null-Ziele.
Es gibt auch noch eine andere, leisere Kritik, welche auf das Gegenteil abzielt: Die Städte wurden disneyfiziert und sind nur noch dazu gut, Rentnern und Touristen eine Bühne zur Selbstdarstellung zu bieten. Stadtkerne werden noch für AirBnBs und Hotels genutzt; und für Restaurants mit schlechtem Essen. Tatsächliche Bewohner, insbesondere junge, seien nicht mehr willkommen. Die Dynamik und Energie sind verloren gegangen.
Einem jungen Mann rechter Gesinnung wird geraten, Grossstädte oder sogar alle Städte zu meiden, und auf das Land zu ziehen, wo das Leben noch natürlich und traditionell ist, sozusagen die Kirche noch im Dorf steht.
Doch ist dies ein guter Ratschlag? Im Folgenden will ich aufzeigen, dass nichts falscher sein könnte als ihn zu beherzigen, und dass damit sowohl die persönliche Zukunft als auch die Zukunft rechter Ideen auf dem Spiel stehen, wenn kein Umdenken stattfindet.
Ich werde zuerst auf die Demographie und die Differenzen zwischen Stadt und Land eingehen. Danach ein Exkurs zu den Unterschieden USA – Europa und schliesslich zu konkreten Vorteilen des Stadtlebens.
Weltweit gehen die Geburtenraten zurück, und Menschen werden immer älter. In etwa einem Viertel der Länder gibt es nun weniger Geburten als Todesfälle; die Bevölkerung schrumpft. Wenn man die Länder studiert, in denen dieser Prozess bereits fortgeschritten ist, zum Beispiel Japan, Italien oder Bulgarien, sieht man grosse regionale Unterschiede. Auf dem Land verbleiben die Alten, in die Städte ziehen die Jungen; die Stadtbevölkerung bleibt relativ jung. Man beklagt oft die niedrige Geburtenrate in den Städten – doch das ist eine historische Konstante. Die Städte ziehen Menschen aus dem Umland (und dem Ausland) an und erhalten sich so selbst.
Einige Altersstruktur-Diagramme zeigen diesen Unterschied auf. Man kann Bulgarien als Ganzes mit Sofia, der Hauptstadt, vergleichen. Das Median-Alter in Bulgarien ist 47 Jahre, in Sofia sind es 42.
Altersstruktur-Diagramm von Bulgarien und Sofia (Quelle: Wikipedia)
Man kann auch ländliche Regionen mit Städten vergleichen: In Hokkaido ist der Median 53, und in Tokio sind es 46 Jahre.
Altersstruktur-Diagramm von Hokkaido und Tokio (Quelle: Wikipedia)
Wenn man visuell eine ländliche Region mit dem ganzen Land vergleicht, so wie das hier mit Galizien in Spanien gemacht wird, sieht man, was passiert: Die Alten bleiben, die Jungen gehen weg.
Altersstruktur-Diagramm Galizien (Balken) vs. Spanien (Umriss) (Quelle: ine.es)
Ein weiterer demographischer Faktor, der die Stadt begünstigt, leitet sich daraus heraus ab, dass Frauen im Jahr 2026 die Mehrheit der Studentenschaft stellen. Diese Frauen ziehen in die Grossstadt, um dort zu studieren. Dieser Frauenüberhang ist in den Daten sichtbar, teilweise sehr deutlich. Als Beispiel sei hier Paris genannt: Im Altersbereich der 20- bis 30-Jährigen gibt es 20% mehr Frauen als Männer (217’927 vs. 181’622, 2022, Quelle: INSEE). Nun sind diese Frauen politisch mehrheitlich auf der linken Seite verortet, doch dazu später mehr. Für den Moment lässt sich feststellen: Rein demographisch gesehen kann ein junger Mann in einer Grossstadt auf viele junge Frauen treffen.
Altersstruktur-Diagramm Paris (Quelle: Wikipedia)
Als schlechter Einfluss auf den europäischen Diskurs müssen die Vereinigten Staaten gelten, deren Stadtentwicklung spezielle Einflussfaktoren aufweist, die in Europa so nicht vorhanden waren. Die Stadtkerne, durch die spätere Entwicklung, waren immer schon mehr kommerziell geprägt (“Central Business District” anstelle einer Altstadt). Diese spätere Entwicklung führte dann auch zum autozentrischen Ausbau der Städte in Einfamilienhaus-Suburbanitäten im Boom nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Innenstädte wurden dann mit der 68er-Revolution den Geisteskranken und Schwarzen überlassen, was die Fluchtbewegung in das Umland nur verstärkt hat. Viel mehr als in Europa war die Stadtentwicklung ideologisch und politisch geprägt seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Europäische Städte waren und sind teilweise immer noch bürgerlich regiert. Zürich, seit 1949 in bürgerlicher Hand, bekam erst 1990 mit Josef Estermann einen SP-Bürgermeister. Paris hatte bis 2001 einen gaullistisch-konservativen Maire. Der von vielen Linken gehasste Jacques Chirac war von 1977 bis 1995 Bürgermeister von Paris. Was in 2026 als unveränderliches Faktum gilt – dass grosse Städte links regiert werden – ist ein relativ junges Phänomen in Europa! Im Übrigen gibt es immer noch Städte, welche nicht links regiert werden. Zu nennen ist hier Madrid, welches mit José Luis Martínez-Almeida vom Partido Popular einen konservativen Bürgermeister hat. Der Grossraum Paris (Region Île-de-France) ist mit Valérie Pécresse von Les Républicains konservativ regiert.
Somit lässt sich als Zwischenbilanz feststellen: Demographisch gesehen sind Städte deutlich jugendlicher und weiblicher. Und mit den derzeitigen Trends sieht es nicht so aus, als ob sich das ändern würde. Sie sind zwar im Moment links geprägt und regiert, das war aber nicht immer so.
Das sind die abstrakten und historischen Fakten. Im konkreten Fall ist es natürlich komplizierter. Städte-Hasser werden entgegnen: Die Verschmutzung und Verluderung des öffentlichen Raumes, die Wohnraumpreise, die Ausländer, der Gestank, der Mangel an Grünraum, man kann viele Nachteile vorbringen. Doch man muss sich fragen: Was ist der Zweck eines Wohnortes für einen jungen Mann? Komfort, Bequemlichkeit und Sicherheit – kann das alles sein?
Darum seien noch weitere Faktoren erwähnt, welche weitere Skeptiker überzeugen können: die kulturellen, wirtschaftlichen und vernetzenden Möglichkeiten. Städte bieten die Möglichkeit, sowohl passiv als auch aktiv am Kulturleben teilzunehmen; eine Vielfalt von Veranstaltungen findet immer statt. Arbeitsstellen, insbesondere gutbezahlte, sind in den Städten konzentriert. Schlussendlich macht die Masse der Menschen es auch möglich, mehr davon kennenzulernen.
Aber das sind doch alles Linke? Was soll ich mit denen? Ich kann damit nichts anfangen! Das würde man denken, und wenn man nur das Wahlverhalten anschaut, stimmt es wahrscheinlich sogar. Doch wenn man ins Gespräch kommt, wird man feststellen, dass durchaus mehr Flexibilität vorhanden ist, als man denkt. Insbesondere für Angelegenheiten, welche Junge betreffen – ob links oder rechts.
Clevere junge Linke sind sich durchaus bewusst, dass sie unter dem Joch der Gerontokratie leiden. Sie benützen dazu nur ein anderes Vokabular. Zum Beispiel fordern sie, Reichtum zu besteuern – man kann das als Neid abtun oder auch analysieren, dass sich der Reichtum im Alter ansammelt. Es gilt, die Diagnose anzuerkennen, auch wenn Rechts und Links verschiedene Lösungsvorschläge haben.
Linke Frauen gibt es in verschiedenen Varianten. Natürlich gibt es ideologisch gefestigte Kommissarinnen, welche keine Widerrede ertragen oder dulden. Das Klischee “Art Hoe mit Finance Bro” ist aber nicht nur ein Klischee. Viele Frauen sind ideologisch links, da ihnen keine anderen Identitäten zur Verfügung stehen, aber nicht unbedingt aus Überzeugung. Sie sind durchaus flexibel bei ihrer Partnerwahl. Ausserdem: Es hilft auch, gar nicht über Politik zu sprechen. Man wird sowieso meist unreflektierten Einheitsbrei vorgesetzt bekommen.
Als Letztes soll hier noch die Schönheit von Städten erwähnt werden, ihre Parks, ihre Gebäude, ihre Kunst – und nicht zuletzt auch ihre Bewohner! Es ist ein objektiver Fakt, dass die meisten europäischen Städte nie schöner waren, sowohl im Westen als auch im Osten. Die Sünden des Kommunismus wurden behoben, und dank Fortschritten in der Heiz- und Motorentechnik sind Städte nicht mehr voller Russ und Staub. Man kann das als Disneyfizierung beklagen, aber trotzdem findet man die Baugeschichte der letzten 500 Jahre in Laufdistanz in den meisten grösseren Städten. Menschen, besonders junge, sind schlanker und hübscher in den Städten. Erfolg korreliert mit Schönheit und es sind nun mal die Ehrgeizigen und Erfolgreichen, die in die Städte ziehen.
Wer gewinnen will, darf den Konflikt nicht scheuen – er sucht ihn, wenn es ihm etwas nützt. Es ist schlimmer Defätismus, wenn man von der “Rückeroberung des Abendlandes” online träumt, sich aber danach nicht in die Situation traut, wo diese Rückeroberung geschehen muss.
An absurden Ratschlägen von Boomern an die jüngeren Generationen mangelt es nicht. Darum will ich hier auch nicht Ratschläge erteilen, sondern bloss feststellen: Stadtluft macht, immer noch, frei (auch wenn sie manchmal nicht so frisch riecht)!






