Von: Flenser (X: @flensdeck); Bild: Henri Lehmann, 1837
Der magische Orient - wo wirbelnde Derwische tanzend die Sinne verwirren, mandeläugige Frauen mit olivfarbener Haut locken und feuerfeste Fakire eifersüchtig ihre Mysterien vor Uneingeweihten verteidigen. Achtung! Das hier evozierte Bild ist, wir müssen es Ihnen leider mitteilen, rassistisch, fremdenfeindlich, frauenfeindlich, möglicherweise sogar -phob auf die eine oder andere Weise. Scheherazade verdrückt eine Träne hinter ihrem Schleier. Doch Edward Said kommt ihr zur Rettung. In seinem wegweisenden Werk der Postmoderne dekonstruierte er unsere Sichtweise auf das Morgenland.
Seine Dekonstruktion und die Ablehnung der damit assoziierten Haltun gilt gemeinhin als Phänomen der politischen Linken. Wir werden sehen, dass die gegenwärtig einflussreichste, aber am wenigsten untersuchte Ausprägung von rechts kommt – und dass sie an einem strukturellen Selbstwiderspruch leidet: Indem sich rechte Bewegungen als kolonisierte Subjekte eines tyrannischen, liberalen ‘Westens’ verstehen, überlassen sie just jenem Gegner die Deutungshoheit über ‘den Westen’ als Konzept.
Um dahin zu gelangen, soll Saids Werk rekonstruiert und seine bekannten Schwachstellen benannt werden. Von dort lässt sich die Gegenposition einführen, in seiner akademisch-intraeuropäischen wie seiner politisch-extraeuropäischen Spielart. Diese Unterscheidung erlaubt es, zunächst die gut dokumentierten linken Varianten zu betrachten, bevor wir den Fokus auf die deutlich weniger untersuchte Variante der zeitgenössischen Rechte legen.
Said hielt fest, dass der Orient, der Osten - wir werden später darauf eingehen, wo und was das eigentlich ist - ein Konzept ist, das vom Westen, dem Okzident, erfunden wurde, um als sein konstitutives Gegenstück zu dienen. Soll heissen, alles was der Westen ist, ist der Osten nicht. Der Westen ist rational, der Osten ist irrational. Okzident demokratisch, Orient despotisch. Maskulin - feminin, beherrscht - impulsiv.
Er nannte diese ontologische Gegenüberstellung “Orientalismus”. Im Sinne von Foucault, dessen Werk Said wahrscheinlich massgeblich inspiriert hatte, sollte Orientalismus nicht als eine objektive Beschreibung von realen Begebenheiten verstanden werden. Stattdessen ist Orientalismus ein Produkt der Machtbeziehung zwischen dem Westen und dem Osten, ein Werkzeug, das in einer vielseitigen Dynamik diese Machtbeziehung in der Wissenschaft, der Philosophie, der Kultur, aber auch in den administrativen Abläufen, den Schulen, den alltäglichen Begegnung repräsentieren soll, und durch diese Repräsentierung sich selbst bekräftigen. Da das ganze Text-System auf der westlichen Dominierung des Orients beruht, und diese unterstützen soll, werden die Texte und ihre Autoren selber eine Methode der Machtausübung. Die Macht, den Orient zu beschreiben und damit zu definieren, wird angewandt, um das Machtverhältnis zwischen West und Ost zu zementieren.
Dazu ein Beispiel, wie sich diese Dynamik abspielen könnte: Ein französischer Schüler lernt eine orientalistische Sicht auf Algerien in seiner Kindheit. Als Erwachsener findet er sich als Soldat in Algerien wieder. Die Notwendigkeit der Präsenz von französischen Soldaten in Algerien stellt er nicht in Frage, hat er doch gelernt, dass die Algerier, im Gegensatz zu den Franzosen, sich nicht selbst regieren können. Als die Algerier gegen die Kolonialherrschaft protestieren, sieht er das als Bekräftigung, nicht als Widerlegung seiner Sichtweise: die Irrationalität der Algerier zeigt sich von der schlimmsten Seite. Er schreibt seiner Mutter Briefe über seine Gedanken, womit er ihre orientalistischen Vorurteile über Algerien bestätigt. Schlussendlich dient dieser Soldat als Produkt der französischen Kolonialmacht mit all seinen Handlungen und Gedanken der französischen Herrschaft über Algerien.
Aber nicht nur in individuellen Vorurteilen, sondern auch im systematischen Wissensschatz des Westens verortet Said den Orientalismus. Durch die enge Verknüpfung und durch das gegenseitige Zitieren bauen die westlichen Text in verschiedenen akademischen Disziplinen und Künsten ein Archiv des Orientalismus, das sich immer wieder selbst in neuen Erzeugnissen fortpflanzt. Dabei kann man so weit zurück wie in die Antike sehen, dass diese Verklärung des Orients schon vorhanden war. Bereits die alten Griechen sahen ihre persischen Feinde als feminin, emotional und despotisch. Gleichzeitig waren sie zutiefst fasziniert von dieser fremden Welt, was spätestens deutlich wurde, als Alexander sich viele höfische Gepflogenheiten aus den Königshäusern Mesopotamiens aneignete, die er besiegt hatte. Während viele Griechen diese Faszination teilten, führte es auch zu Spott und Ablehnung, dieser offen nachzugehen. Eine ähnliche Dynamik spielte sich später mit römischen Kaisern ab, welche sich der “Verführung” des Orients zu sehr hingaben.
Da das orientalistische Weltbild eben ausdrücklich nicht eine objektive Auffassung des Orients erzeugen soll, behandelt es den Orient und seine Bewohner undifferenziert und unfähig, sich zu verändern. Die Individualität einzelner Länder, Völker oder Personen wird in vorgefertigte Typen eingeebnet. Es nimmt ihnen auch die Möglichkeit, sich selbst zu repräsentieren oder definieren: ihre Identität wird durch die orientalistische Definition festgelegt.
Es wird also eine imaginäre Ethnographie, aber auch eine imaginäre Geographie erzeugt. Eine Linie zwischen “uns” und “ihnen”, die erdacht wird, um eine klare Grenze zwischen Zivilisationen und Kulturen zu ziehen, wo es eigentlich nur eine Grenze im Diskurs gibt. Wer gehört zum Orient, und wer nicht? Ist Marokko im “Osten”? Ist Russland im “Westen”? Die Antworten auf diese Fragen, gemäss Said, werden durch Machtverhältnisse ermittelt.
In dieser oberflächlichen Abhandlung werden bereits viele Kritikpunkte an Saids Theorie offensichtlich. Um nur einige zu nennen: Wie hält sich diese Sichtweise im Bezug auf jene Punkte, in denen eine orientalistische Haltung und ein sachlicher Beschrieb zum gleichen Resultat kommen? Beispielsweise gab es zu verschiedenen Zeitpunkten mehr Demokratie im Okzident als im Orient. Oder, besonders schmerzlich, war die militärische Unterlegenheit der kolonisierten Regionen offensichtlich nicht eine Wunschfantasie der Kolonialmächte. Ist es also “orientalistisch” wenn Europäer diese Fakten festhalten, und von anderen Ländern erwarten, dass sie im Sinne der Wissenschaft dasselbe tun?
Oder: Wie sehr sind die Europäer tatsächlich desinteressiert an der Diversität des Orients? Ist es wirklich zutreffend, gerade im Angesicht der ausgeprägten, jahrtausendealten Faszination, dass für Europäer alles östlich der Donau ein flacher Einheitsbrei ist? Finden sich nicht gerade in den Reisetagebüchern, Ethnographien, kolonialen Vermessungsarbeiten, usw. der Gegenbeweis für Saids These, und nicht ein Beitrag zur Gleichmachung, wie er meint? Es waren Europäer, die die Pyramiden ausgegraben haben, die die Keilschrift und die Hieroglyphen entziffert haben, die im Orient die Wiege der Zivilisation ausgemacht haben - nicht der Orient!
Am Rande muss man auch auf die historischen Beispiele verwiesen werden, die kaum in den Rahmen des Orientalismus passen. Genannt sei hier vor allem der niemals kolonisierte Iran, der historische Nachfolgestaat Persiens, das in vielerlei Hinsicht seit der Antike die Essenz des mystifizierten Orients ausmachte; und das Osmanische Reich, das sowohl im eigenen Selbstverständnis in seiner Blütezeit, wie auch in seinem säkularen Ende im Kemalismus Saids Ideen strapaziert.
Diese Kritiken, und weitere, hier übersprungene, führen schlussendlich zu der Beobachtung einer erstaunlichen Rekursion: Auf dieselbe Weise, wie der Orientalismus eine essentialisierende, vereinheitlichende Sicht auf den Orient beschreibt, hält Said in seinem Werk eine essentialisierende, vereinheitlichende Sicht auf die westliche Beschreibung des Orients inne.
Bevor wir uns aber dazu herablassen, einem Denker psychologische Projektion zu unterstellen, sollten wir zuerst fragen, ob nicht eine systematischere Beschreibung des Phänomens existiert. Gibt es den Anti-Orientalismus, eine konstruktivistische Haltung, die das Bild des Westens und des Ostens ebenso als ein Produkt ihres Machtverhältnisses versteht, aber mit einer Vorzeichenumkehr? Es gibt ihn, und wir nennen diese Kehrseite des Orientalismus “Okzidentalismus”.
Die okzidentalistische Sicht versteht Orient und Okzident ebenso als konstitutive Gegenstücke, aber verdreht die Valenz der orientalistischen Sicht. Hier ist der Osten ganzheitlich und organisch, der Westen atomisiert und künstlich. Der Osten ist spirituell verwurzelt, gemeinschaftlich und bodenständig - der Westen verkopft, dekadent und mechanisiert.
Und ebenso, wie der Orientalismus keine objektive Repräsentation des Orients ausmacht, gibt der Okzidentalismus den Westen nicht objektiv wieder. Aber wo der Orientalismus als Wissensprodukt das Ziel hat, das Machtgefälle zwischen West und Ost zu verhärten, soll der Okzidentalismus es untergraben.
Aus den oben beschriebenen Verstrickungen von Akademie, Kultur und Administration erwächst diese Gegensicht: ein System von verknüpften Texten, die als Werkzeug der Machtkritik dienen - exklusiv Kritik an europäischer Macht, wohlgemerkt.
Es ist hier festzuhalten, dass Said die Produktion des Orientalismus vor allem im Westen sah - je nach Autor wird die Produktion des Okzidentalismus aber ebenfalls im Westen verortet. James Carrier sieht vor allem die westliche Akademie als Urheber des Okzidentalismus. Ian Buruma und Avishai Margalit, die vor allem in Bezug auf den Islamismus schreiben, sahen die Erzeugung von okzidentalistischen Perspektiven mehr in aussereuropäischen politischen Strömungen. Wir kommen später auf diese zurück und betrachten hier vorerst die innereuropäischen Quellen.
Dazu ein Beispiel, wie sich diese Dynamik abspielen könnte: Ein britischer Schüler lernt eine okzidentalistische Sicht auf Grossbritannien in der Schule. Als Erwachsener findet er sich als Sozialarbeiter in einem Asylzentrum wieder. Die Notwendigkeit der Präsenz von nordafrikanischen Flüchtlingen in Grossbritannien stellt er nicht in Frage, hat er doch gelernt, dass die Briten, im Gegensatz zu den Nordafrikanern, ihre Ressourcen mit bedürftigen Ländern teilen sollten. Als die Flüchtlinge seine Freiwilligenarbeit mit Undankbarkeit und sogar Gewalt quittieren, sieht er das als Bekräftigung, nicht als Widerlegung seiner Sichtweise: die fehlende Hilfsbereitschaft der Briten hat offensichtlich eine tiefe Erwartungshaltung in den Köpfen der Nordafrikaner eingeprägt. Er schreibt einen Post auf Bluesky über seine Erlebnisse, womit er die okzidentalistischen Vorurteile seiner Leser bestätigt. Schlussendlich dient dieser Sozialarbeiter als Produkt der britischen Intelligentsia mit all seinen Handlungen und Gedanken dem Abbau britischen Einflusses in der Welt.
In der okzidentalistischen Sicht ist der Westen eine einheitliche Masse von zeitlosen, abstrakten Prozessen wie Märkte, während das “wahre Leben” sich ausserhalb abspielt. Das äussert sich auf allen Ebenen des Alltags: Kulturprodukte aus dem Westen werden als fad, seelenlos, einfallslos, oder marktschreierisch abgetan, während aussereuropäische Speisen, Musik, Philosophie, Traditionen, Kleider, usw. als farbig, neu, lebendig, und authentisch eingestuft werden.
Die UNO, und in der Folge viele andere Organisationen, lassen eine Definition des Wortes “indigen” gelten, die auf einer okzidentalistischen und somit konstruktivistischen Sichtweise beruht. Europäische Völker können nicht als indigen, also eingeboren in ihren eigenen Ländern, gelten, da sie historisch gesehen am falschen Ende des Machtverhältnisses zwischen Kolonialmächten und Kolonien standen. Wie der Orientalismus zu Konflikten mit objektiven Betrachtungen führt, führt auch diese imaginäre Grenzziehung zu Widersprüchen, beispielsweise dass die Maori als indigene Bevölkerung Neuseelands gelten, obwohl sie die Insel verhältnismässig kurz vor den Europäern von den vorherigen Bewohnern erobert haben.
Im Extremfall dann finden sich politische Strömungen im Westen, die sich explizit oder implizit dem Abbau der westlichen Machtposition in der Welt – jedenfalls so, wie sie in den Grundannahmen des Okzidentalismus verstanden wird – verschrieben haben. Ein schweizerisches Beispiel hierzu findet sich in Jean Zieglers Werk “Wir lassen sie verhungern: Die Massenvernichtung in der Dritten Welt”. Ohne auf den Inhalt tiefer einzugehen, kann der Okzidentalismus des Buches aus dem Titel gelesen werden. Wer ist “wir”? Der Westen, dieser Monolith, dem eine einzige Haltung und Motivation unterstellt werden kann. Und was tun “wir”? Wir handeln moralisch verwerflich. Dass die gesamte humanistische Tradition und die unglaubliche Menge an Entwicklungshilfe und humanitären Aktionen im 20. Jahrhundert diese Blutlüge komplett widerlegen, tut der Popularität okzidentalistischer Anschauungen kaum Abbruch.
Ein Exkurs zum Wort “Privileg”: In jüngeren Jahren hat sich die Bedeutung des Wortes “Privileg” gewandelt. Während es ursprünglich, im wörtlichen Sinn aus dem Latein übersetzt, bedeutete, dass einer Person oder Gruppe ein Gesetz zugedacht ist, welches nur für sie gilt, meist im Sinne einer Bevorzugung, so wurde der Begriff langsam dazu verwaschen, jegliche Form von Vorteil miteinzuschliessen. So ist heute “privilegiert”, wer beispielsweise zu wohlhabenden Eltern geboren wird - obwohl es keine Gesetze oder Regeln gibt, die nur für wohlhabende Schichten gelten, und sogar die impliziten Normen, welche Reiche bevorteilen, weitestgehend aufgelöst wurden. Der “natürliche” Vorteil, wirtschaftlich besser als andere situiert zu sein, gilt nun als Privileg. Diese Verunschärfung des Begriffs dient der Assoziation von unliebsamen Personen und Gruppen mit dem historischen Konzept des Privileges: die Universalität des Gesetzes hat einen hohen Stellenwert, und das Privileg, wie es ursprünglich verstanden wurde, ist moralisch negativ besetzt. Diese Wertung schwingt mit, wenn jemand heute als “privilegiert” bezeichnet wird, obwohl die Einstufung in der Regel auf absurden Äusserlichkeiten wie der Hautfarbe beruht.
Diese Umdeutung ist ein Paradebeispiel von okzidentalistischer Rhetorik. Ein Produkt der westlichen intellektuellen Tradition, namentlich die universalistische Gleichstellung vor dem Gesetz, wird bastardisiert, um die Machtposition des Westens selbst anzugreifen: Im Westen geboren zu werden, ist ein Privileg, denn es ist ein Vorteil gegenüber dem Rest der Welt. Aber das heisst, dass jedes Kind, das im Okzident zur Welt kommt, durch seine Geburt im Widerspruch zu einem zentralen westlichen Wert steht - durch seine Existenz allein ist das Kind über die universelle Gleichbehandlung erhoben. Nur durch die Abschaffung des Vorteils, egal ob dieser imaginär ist, oder real, kann das Privileg aufgehoben werden.
Nehmen wir an, wenigstens für den Zweck einer philosophischen Erkundung, dass Orientalismus und Okzidentalismus tatsächlich existierende Anschauungen sind. Wer berechtigte Zweifel daran hat, dass solch konstruktivistische Erörterungen echte Phänomene beschreiben, soll sich mit der geschwächten Version abfinden: dass Orientalismus und Okzidentalismus Tendenzen zusammenfassen, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten in der intellektuellen Landschaft wiederkehren. Es mag dann offensichtlich scheinen, dass Okzidentalismus ein Phänomen der politischen Linken ist. Tatsächlich finden wir in vielen linken Projekten und Strömungen diese Denkweise wieder. Es sei zum Beispiel auf jene Bewegungen verwiesen, die sich selbst als antiimperialistisch bezeichnen - deutsche Linke, die Deutschland als Teilstück westlichen Imperialismus verstehen und ablehnen, und gleichsam jene befürworten, die als Gegner dieses Imperialismus verstanden werden. Der okzidentalistische Schlag dieser binären Zweiteilung wird besonders deutlich, wenn damit ein Bündnis zu Gruppen entsteht, deren Werte im starken Kontrast zu denen der westlichen Linken stehen, wie beispielsweise der Iran. Da die imaginäre Landschaft des Okzidentalismus aber den Iran als nicht-westliche Kraft mit einer positiven Valenz versieht, ist dieser Widerspruch nur in der externen Betrachtung gültig.
Immer noch naheliegend, aber vielleicht weniger offensichtlich ist aber, zu welchem Grad aussereuropäische Strömungen okzidentalistische Argumentationen und Perspektiven annehmen. Es muss zuerst festgehalten werden, dass die Diskussion über diese Thematik natürlich auch ausserhalb Europas geführt wurde. Namentlich erwähnt und gegenübergestellt seien hier die Ansichten von Frantz Fanon und Sadik al-Azm.
Grundsätzlich ist aus der Dynamik, die Said vorschlägt, klar, dass die kolonialen Subjekte in gewisser Weise immer an der Produktion des Wissensobjektes Orientalismus teilhaben. Entweder sie akzeptieren die orientalistische Sichtweise, und fördern sie dadurch, oder sie stellen sich dagegen, und dienen damit als Beispiele der Uneinsichtigkeit und Unterentwicklung der Kolonialbevölkerung. Fanon sieht diese ideologische Auswegslosigkeit als eine koloniale Zwangsmassnahme, aus der es gewaltsam auszubrechen gilt. Für ihn positioniert der Orientalismus die Kolonien in Europa, da die gesamte Gedankenwelt der Kolonien durch den Westen erfunden wurde, mit dem Mittel des Orientalismus. Er verlässt aber die Dekonstruktion, die Saids Thesen zu Grunde liegt, und führt den Gedanken auf materieller Ebene weiter: da der Kolonialismus in seiner Sicht eine physische Ausbeutung der Kolonien darstellt, sind es wirklich die Kolonien, die Europa erschaffen, nicht umgekehrt. Deshalb verlangte er die materielle Loslösung des Orients vom Okzident, was er als Grundlage sah, im Orient einen neuen Humanismus zu erfinden.
Al-Azm identifiziert aber, dass der Grund, dass der Widerstand gegen den Orientalismus nicht fruchten kann, gerade darin liegt, dass die östlichen Intellektuellen (er richtet sich speziell an die Araber) eine okzidentalistische Haltung annehmen, welche die gesamte orientalistische Zweiteilung und Homogenisierung akzeptiert, und nur die Valenz umdreht. Stattdessen, so al-Azm, gilt es den Säkularismus, Humanismus, auch Marxismus als westliche Konstrukte zu erkennen, und statt zu versuchen, den Westen darin zu übertreffen, eine authentische Alternative zu finden.
Mit diesen Diskussionen im Hinterkopf ist es speziell interessant, zeitgenössischere Beispiele zu betrachten. Der Fanonistische Okzidentalismus, oft in seiner heutigen Entwicklung als “Drittweltismus” (”Third-Worldism”) bezeichnet, ist in verschiedenen Ausprägungen ein tragendes Element der Ideologie von Bewegungen auf der ganzen Welt. Es ist ein extra-europäischer Okzidentalismus. Dafür ist ein wichtiges Beispiel der Islamismus, der sich ausdrücklich als anti-moderne, anti-liberale, anti-westliche Kraft versteht, der einen einheitlichen muslimischen Block gegen den ebenso einheitlichen Westen verteidigt.
Extra-Europäischer Okzidentalismus wie der islamistische, unterscheidet sich von solchem intra-europäischen, vor allem dadurch, dass intra-europäischer Okzidentalismus den Westen nicht nur gegen den Osten abgrenzt, sondern gegen jene Länder, die eigentlich den Okzident ausmachen.
Ein weniger diskutiertes Beispiel hierzu findet sich im Russland des 21. Jahrhunderts. Vladimir Putin, in verschiedenen Reden, stellt im Westen eine Loslösung von Traditionen fest, moralischen und spirituellen Zerfall, und kapitalistische Homogenisierung, welchem sein Russland als der Bewahrer der westlichen Werte und der Diversität der traditionellen Lebensweisen gegenübersteht. Westliche Aussenpolitik, über einen Kamm geschoren, versteht er als “neokolonial”. Westliche Innenpolitik, ebenso vereinheitlicht, sieht er in einer Krise des Liberalismus begriffen. Hier ist wieder anzumerken, dass es keine direkte Rolle spielt, ob die okzidentalistische Sicht mit einer sachlichen Beschreibung der Lage übereinstimmt, oder nicht. Relevant ist mehr, dass die Sicht in ihrer inneren Logik die Sachverhältnisse aus den Machtverhältnissen ableitet. Putin stellt Russland als koloniales Subjekt des Westens dar, oder eher, als Subjekt eines kolonialen Unterwerfungsversuches, und der Rest der Analyse folgt daraus.
Unter Putin hat Russland auch massgeblich im Informationskrieg des Internetzeitalters mitgewirkt. Über verschiedene Vektoren sind dadurch okzidentalistische Tendenzen in pro-russischen Fraktionen im Westen angekommen. Spätestens an diesem Punkt muss man sich von der Assoziation zwischen Okzidentalismus und der politischen Linken verabschieden.
Es sind ausgesprochen rechte Bewegungen, wie PEGIDA – welche namentlich das Abendland als sinnstiftend beanspruchte – oder weite Teile der AfD in Deutschland, welche eine im Kern okzidentalistische Haltung vertreten. Sie sehen ihre Länder kolonisiert, oder in der Kolonisierung begriffen, durch den Okzident, der als Feindbild im ontologischen Gegensatz zu den Bewohnern dieser Länder und ihren Traditionen steht. Entsprechend al-Azms Kritik lehnen sie die “eigentlichen” westlichen Werte aber nicht ab, sondern verstehen sich im Gegenteil, wie Putin, als die wahren Verteidiger derselben. Keineswegs ist dieses Phänomen auf Deutschland beschränkt: MAGA in Amerika, die verschiedenen Identitären Bewegungen in Europa, aber auch die Schweizer SVP vertreten alle wenigstens teilweise einen Standpunkt, der den Okzident als mystifiziertes, imaginäres Land auffasst, das dekadent, atomisiert, hyper-kapitalistisch, über-mechanisiert, und vor allem, imperialistisch-übergriffig auftritt. Sie sehen die Aufgabe der Rechten, häufig wörtlich, als Rückeroberung ihrer Länder von dieser Kolonialmacht, nicht nur materiell, sondern geknüpft an eine Wiederkehr des traditionellen, gemeinschaftlichen und spirituellen Idealzustands, den sie in der sinngemäss “vorkolonialen” Vergangenheit verorten. Wie oben schon wiederholt betont, spielen die sachlichen Widersprüche, die sich aus dieser Ansicht scheinbar ergeben, keine grosse Rolle, da die okzidentalistische Betrachtung sich aus dem Machtverhältnis zwischen dem betroffenen Volk und der westlichen liberalen Elite ergibt. Beispielsweise kann diese Haltung dazu führen, dass Putins Politik, da offen christlich, als Ausdruck des wahren Westens gefeiert wird, während der steigende Atheistenanteil in allen europäischen Ländern als Folge des zersetzenden Einflusses der Moderne (sprich: der Verwestlichung) bedauert wird, ohne dass dies zu einem internen Widerspruch führen muss.
Während über die anti-westliche Haltung auf der linken Seite schon viel Tinte vergossen wurde, scheint die Rechte von dieser Untersuchung bisher weitestgehend verschont. Dass die meisten zeitgenössischen, europäischen rechten Bewegungen auch orientalistische Ansichten im Sinne Saids vertreten, sei hier einfach als neutrale Möglichkeit dahingestellt. Darüber wurde natürlich von links schon viel geschrieben – Stichwort: Islamophobie. Die okzidentalistische Tendenz von rechts scheint neuer, und zu wenig untersucht.
Vorab muss klargestellt werden, dass diese Tendenz im Grossen und Ganzen eine Tendenz, und keine abschliessende Einordnung ausmacht. Weder sind alle relevanten rechten Strömungen gleichermassen oder überhaupt daran beteiligt, noch sind die Ausprägungen des Okzidentalismus überall, wo er auftritt, homogen. Weiter muss zurückgegriffen werden auf die eingangs erwähnte Zumutung an den Leser, dass er zwecks der Erkundung des Konzepts den Orientalismus und Okzidentalismus als hinreichende Beschreibungen real existierender Ansichten akzeptieren möge. Da wir uns damit einer konstruktivistischen Philosophie, und somit deren Grundannahmen bedient haben, um diese Phänomene zu beschreiben, ist es klar, dass für Viele diese Akzeptanz nicht weiter als zum Ende dieses Essays reichen wird, da sie den Konstruktivismus grundsätzlich ablehnen. Es bleibt dann aber die phänomenologische Beschreibung einer Geisteshaltung in Bezug auf den Orient, Okzident, und deren Verhältnis, welche eine Beschreibung und Erklärung verlangt.
Die wichtigste Kritik am Okzidentalismus der zeitgenössischen Rechten in Europa und Nordamerika spiegelt die linke Debatte zum Thema des Auto-Orientalismus der kolonialen Subjekte wieder. So finden wir hier eine ähnliche ideologische Ausweglosigkeit wieder: ein Bürger eines gegenwärtigen europäischen oder nordamerikanischen Staates sieht sich vor der Wahl, die Dekadenz des modernen Westens mitzutragen, oder aber sich ihr durch seine Lebensweise zu widersetzen. Im letzteren Fall macht er sich zum Aussenseiter und verwehrt sich die Teilnahme an der Gesellschaft, wodurch er deren Dekadenz bestenfalls nicht entgegenwirkt, schlimmstenfalls aber als Feindbild dient, wodurch er der Verbreitung seiner Lebensweise schadet. Der rechte Populismus sieht dieses Dilemma als zentrale Problematik und will durch die parlamentarische Politik einen Ausweg daraus schaffen. Der Erfolg, den diese Gruppierungen oft verzeichnen konnten, hängt nicht zuletzt damit zusammen, wie attraktiv die Selbstidentifikation mit einer solchen Opferrolle auf die Wählerschaft wirkt. Die extremeren Beispiele hier gehen so weit, dass die materielle Beziehung zwischen dem entsprechenden Staat und dem imaginären Westen neu verhandelt werden soll. Ein junges Beispiel wäre hier die Schweizer 10-Millionen-Initiative. Ohne solche Neuverhandlungen sehen diese rechten Bewegungen keine Abkehr vom westlichen Einfluss. Es ist einleuchtend, dass dadurch häufig Bedingungen aus der Vergangenheit, also vor dem zersetzenden Einfluss der liberalen Elite, wiederhergestellt werden sollen.
Aber gerade dieser Wunsch nach Zeitumkehr identifiziert, abgesehen von den Schwierigkeiten in Bezug auf die politische und reale Machbarkeit der Vorhaben, die zentrale Schwäche dieser Strömungen. Nicht nur, dass sie ihre Länder, Völker und deren Geschichte irrtümlich ausserhalb der Entwicklung zur westlichen Dekadenz situieren, was sie unweigerlich zu einer Fehldiagnose der Gegenwart führt. Diese Diagnosen missachten in der Regel, dass jeder frühere Zustand, was auch seine Vorzüge gewesen sein mögen, einen Beitrag zur heutigen Situation geleistet hat. Ob die Uhr in die 1990er, 1890er, oder 1790er zurückgedreht werden soll, ist dabei egal.
Das zentrale Problem ist aber, dass sie fundamental einen Bewertungsrahmen ihrer eigenen Gegner annehmen, wenn sie sich als Subjekte einer tyrannischen liberalen Elite verstehen. Gerade im Sinne eines dynamisch erzeugten Wissensproduktes wird durch jeden Text, der transatlantische Eliten einem geknechteten Volk gegenüberstellt, eine fundamental links-liberale Eigentümerschaft über den Westen als Konzept, sowie auch als real existierende Staaten bekräftigt. Die Selbstidentifikation mit Völkern, Orten und Gebräuchen aus der Vergangenheit ist notwendigerweise rückständig und überlässt somit der Gegenseite die Gestaltung der Zukunft.
Abschliessend soll eine Lösung aus der konstruktivistischen Perspektive helfen, mögliche Alternativen zu sehen. Eine politische Strömung in Europa, die sich vom Okzidentalismus trennen will, muss lernen, den Westen aus der zeitlosen Zweiteilung in Elite und Volk heraus zu differenzieren. Man stelle sich vor, man hätte die Zügel im Staat in der Hand, und zählte sich selbst nicht zur Elite! So sollte diese politische Strömung die Institutionen der Staatsführung, der Rechtsprechung und der kulturellen Einflussnahme nicht als Werkzeuge des Feindes, sondern als Werkzeuge im neutralen Sinn betrachten. Stattdessen sollten die Werte und die Völker, die den Westen heute zu dem machen, was er ist, als fundamental überholt verstanden werden. Nur, wenn so die Formbarkeit der Zukunft aus einer sachlichen Anerkennung der Gegenwart in Angriff genommen wird, kann der echte Wandel beginnen.



