Von: Flenser (X: @flensdeck), Bild: Benjamin Marshall
Unter allen ästhetischen Kränkungen, die uns gegenwärtig heimsuchen, sind die biologischen die schlimmsten: die Gesellschaft wird älter und dicker. Diese Umstände greifen mein seelisches Wohlbefinden mehr an als beispielsweise der musikalische Marterpfahl der SRF-Hitparade, deren Existenz problemlos zu ignorieren ist. Überalterung und Verfettung hingegen zwingen sich unserem alltäglichen Leben auf. Am Bahnhof, im Zug, im Migros, in den Schulen, den Restaurants, den Freibädern, den Spitälern, überall tendiert das Alter mehr denn je zur Pension, und der durchschnittliche Körperfettanteil über einen Viertel der Gesamtmasse. Wir schauen dem hilflos zu, sind doch beides fundamentale Wohlstandssymptome, und nicht Notstände, wie wir solche sonst begreifen. Verfettung – denn welcher Begriff eignet sich sonst für diesen fortschreitenden Zerfall der körperlichen Verfassung? “Epidemie des Übergewichts”? Dieser klinische Begriff enthält eine fundamentale Leugnung der Selbstbestimmung, auf deren Annahme unsere Gesellschaft anderweitig aufbaut. Jeder übergewichtige Erwachsene trifft Entscheidungen, die ihn von einem gesunden Körperfettanteil entfernen. Aus einer gesellschaftlichen Perspektive fragen wir uns, ob eine Lenkung dieser Entscheidungen nötig und nützlich ist. Was wäre die Alternative? Um dazu eine Aussage machen zu können, verschaffen wir uns zuerst einen Überblick über die Lage, bevor wir auf Lösungsansätze zu sprechen kommen.
Wer ist eigentlich fett?
Abb. 1: Entwicklung des Body mass index (BMI, Körpergewicht in kg / (Körpergrösse in m)2) in der Schweiz seit 1992, nach Geschlecht. Untergewicht ist definiert als BMI < 18.5, Übergewicht als BMI >25, Adipositas als BMI > 30.
Wer sind diese Leute, die in dieser Statistik den Anstieg an Übergewicht ausmachen? Zum einen sind es in der Schweiz, wie in vielen europäischen Ländern (aber nicht unbedingt ausserhalb von Europa), überwiegend die Männer (Abb. 1). Weiter sind es vor allem ältere Personen, die dick werden (Abb. 2).
Abb. 2: Entwicklung des BMI der Alterskohorten in der Schweiz seit 1992, nach Erhebungsjahr.
Zuletzt können wir festhalten, dass der Bildungsstand (als Indikator für eine sozioökonomische Verortung) ein relevanter Faktor ist: schlechter gebildete und damit vermutlich ärmere Schichten sind häufiger übergewichtig (Abb. 3). Auch hier widerspiegelt die Schweiz eine Entwicklung anderer postindustrieller Gesellschaften, wobei Übergewicht nicht mehr mit dem individuellen Wohlstand direkt korreliert - ein “Wohlstandssymptom” also nur im historischen Vergleich, nicht im soziologischen!
Abb. 3: Entwicklung des BMI in der Schweiz seit 1992, nach Bildungstand.
Da die Daten des BFS leider zu wenig ins Detail gehen, und die einzelnen Variablen Alter, Bildung, Herkunft und Geschlecht zum Teil voneinander abhängig sind, ist es nicht einfach, eine gut verständliche, umfassende Analyse des Beitrags, den jede einzelne Variable zum BMI leistet, aufzuzeigen. Die Daten des Bundes für den Bildungsstand sind aber vollständig genug, um eine Dekompositionsanalyse für diese Komponente durchzuführen. Da sich die Zusammensetzung der Schweizer Bevölkerung im betrachteten Zeitraum in Bezug auf Bildungsstand (mehr Tertiärbildung) verändert hat, können wir uns fragen, wie viel der Veränderung des CH-Durchschnitts auf eine veränderte Zusammensetzung zurückgeht, und wie viel auf sich verändernde Raten innerhalb der Gruppen.
Abb. 4: Kitagawa/Oaxaca-Dekomposition des BMIs nach Bildungsstand, 1992-2022.
Es zeichnet sich hier ein deutliches Bild: Die Bildungsexpansion, die zu mehr Tertiärabschlüssen führte, hätte den BMI-Trend eigentlich leicht gedämpft, weil höher Gebildete tiefere Raten haben. Wir sehen das im Kompositionseffekt (Abb. 4), der gegen den Trend läuft. Der gesamte Anstieg kommt aber daher, dass die Raten innerhalb jeder Bildungsgruppe gestiegen sind.
Macht Globalisierung fett?
Übergewicht ist ein Problem der Gegenwart, und damit nicht nur der Schweiz. Der Rest der Welt wird leider auch dicker. Es ist sogar festzustellen, dass die Schweiz im internationalen Vergleich nicht schlecht dasteht: unter 197 Ländern liegt unser Anteil von adipösen Patienten (BMI >30) auf Platz 154. Damit stellt sich automatisch die Frage, in welchem Ausmass die Einwanderung aus “dickeren” Ländern den durchschnittlichen BMI in der Schweiz hochzieht. Es ist tatsächlich so, dass Einwohner ohne Schweizer Pass im Schnitt dicker sind als solche mit. Bei Kindern ist der Effekt im Gesamten ist aber viel stärker durch den Bildungsstatus der Eltern vermittelt, als durch die Herkunft (Stamm et al., 2025). Hier wird auch deutlich, dass die Schweiz in erster Linie Einwanderer aus europäischen Staaten bezieht, welche selbst im internationalen Vergleich eher überdurchschnittlich gut situiert sind, statt aus dem angelsächsischen und arabischen Raum, wo es schlimmer steht. Es ist dazu auch anzumerken, dass Einwanderer vor allem aus Gruppen mit relativ guter Gesundheit in ihren Herkunftsländern (selbst-)selektiert sind, was wiederum vor allem eine Funktion ihres tiefen durchschnittlichen Alters ist. Dies ist auch als “healthy migrant effect” bekannt.
Trotzt die Jugend dem Trend?
Da wir uns ungleich mehr auf die Zukunft als auf die Gegenwart konzentrieren sollten, fällt auf, dass in den obigen Grafiken, welche aus der Gesundheitsbefragung des Bundes stammen, nur über 15-Jährige erfasst sind. Wenn wir schulärztliche Daten anschauen, ergibt sich ein leicht anderes Bild.
Abb. 5: Entwicklung des BMI von Schulkindern in der Schweiz seit 2007, nach Geschlecht. Zu beachten ist, dass die zum Teil starke Varianz wahrscheinlicher ein Effekt der Erhebungsmethode ist, als dass sie tatsächliche Schwankungen im BMI aufzeigt.
Unter den 6- bis 12-Jährigen finden wir den Anstieg des Übergewichts nicht wieder (Abb. 5). Im Gegenteil scheint der Anteil an adipösen Kindern sogar zu sinken. Daraus folgen direkt einige Fragen: Was passiert vor dem 13. Altersjahr, das den Trend zum Übergewicht verzögert? Was passiert zwischen dem 13. und 16. Altersjahr, das diesen Trend bei den betroffenen Personen in Gang setzt?
Zur Beantwortung der Fragen muss vorerst angemerkt werden, dass sich zwei Datenerhebungen des Bundes widersprechen. Das in der obigen Grafik zitierte Monitoringsystem Sucht und NCD (MonAM) sieht keinen Anstieg in den einzelnen Altersstufen der Schulkinder. Somit würde der Anstieg des Übergewichts nach diesem Alter stattfinden. Demgegenüber steht der Befund des BMI-Monitoring (Stamm et al., 2025) der Gesundheitsförderung Schweiz, welches einen Anstieg mit jedem zusätzlichen Altersjahr vermerkt, womit sich die obigen Fragen als unbegründet erweisen würden.
Das BMI-Monitoring erhält die Daten von Schulärzten, welche für die Schweiz repräsentativ sind, und eine hohe Stichprobengrösse (~30’000 Kinder) aufweisen. Das MonAm hingegen beruht auf einer Opt-In-Befragung mit kleiner Stichprobengrösse. Ich tendiere deshalb dazu, dem BMI-Monitoring mehr Vertrauen zu schenken. Beide Quellen sehen eine über die Jahre stabile Entwicklung des Übergewichts bei Kindern, aber das BMI-Monitoring stellt seine Daten nicht öffentlich zur Verfügung, weshalb die Grafik das MonAm nutzt.
Wir können also annehmen, dass der Anteil an Übergewichtigen mit fortschreitendem Alter auch bei Kindern zunimmt - damit wird die Frage umso interessanter, welche Faktoren den Durchschnitt über die letzten Jahrzehnte stabil halten konnten. Da es dazu keine zufriedenstellenden Untersuchungen gibt, sollen einige Vermutungen in den Raum gestellt werden:
Die Ernährung von Kindern ist der Kontrolle von Lehrern und Eltern unterstellt, und diese Kontrolle lässt mit zunehmendem Alter nach.
Kinder bewegen sich mehr als Erwachsene, und dieser Effekt lässt mit zunehmendem Alter nach.
Die Kampagnen des Bundes wirken. Dabei handelt es sich um Massnahmen, die durch Informationen an Eltern und Schüler und Ausbildung von Lehrpersonal dem Übergewicht entgegenwirken sollen.
Die letzte Vermutung ist speziell interessant, da sie eine begünstigende Wirkung auf die ersten beiden vermuteten Effekte haben könnte. Wir wissen, dass sich die Ernährungsweise über den betrachteten Zeitraum verändert hat. Beispielsweise sinkt der Fleischkonsum (und damit die Proteineinnahme) seit Jahren. Es ist nicht auszuschliessen, dass selbst eine sanfte Kampagne einen gewissen Einfluss hatte.
Zuckersteuern und andere Irrfahrten
Auf welche Weise man zu Übergewicht kommt, ist seit langem klar: zwischen Nahrungsaufnahme, Bewegung und anderen Aufwänden bleibt ein Energieüberschuss, den der Körper in die Fettreserve steckt. Dieser Überschuss kann täuschend klein, aber konsistent sein, und dadurch über Jahre zu einem Fettpolster führen, oder er kann gross sein und damit eine schnelle Gewichtszunahme bewirken. Klar ist ebenso, dass die einzige Möglichkeit, überschüssiges Gewicht, also Körperfett, abzubauen, in einem entsprechenden Kaloriendefizit liegt. Durch Sport lässt sich dieser Prozess begünstigen, in fast jedem Fall wird aber die Aufgabe vorweigend in Form einer Anpassung der Ernährung, vor allem der eingenommenen Kalorienmenge, anfallen. Das ist darin begründet, dass selbst intensive Bewegung im Vergleich zum täglichen Kalorienbedarf relativ wenig Kalorien verbrennt (jedenfalls in dem Mass, wie sie für stark übergewichtige Personen realistisch ist). Über die Jahre war der Kampf gegen Übergewicht deshalb auch gleichbedeutend mit denselben nachfrage-orientierten Forderungen: “Iss weniger, iss anders”.
Die Kampagne des Bundes stösst in das gleiche Horn. Andere Staaten wählen weniger sanfte Methoden, um der rasanten Verfettung Einhalt zu gebieten, aber auch sie zielen darauf, die Nachfrage nach bestimmten Lebensmitteln zu beeinflussen. Das wichtigste Beispiel sind die mittlerweile beliebten Zuckersteuern, die unter anderem in Grossbritannien, Mexiko und Chile eingeführt wurden. Die WHO hält fest, dass diese zuverlässig den Zuckerkonsum senken. Den Trend zu mehr Übergewicht lassen sie allerdings unberührt. Davon ausgenommen ist der Effekt bei Kindern, wo sich teilweise eine Reduktion der Fettleibigkeit feststellen liess. Auch hier steht die Vermutung im Raum, dass Kinder weniger Kontrolle über ihre eigene Ernährung haben, und deshalb bei einer Verteuerung des Zuckers die “Leidtragenden” sind.
Was kann man den Dicken anbieten?
In jüngster Zeit sind wir aber nicht mehr darauf angewiesen, nur die Nachfrageseite der Gleichung zu beeinflussen. Endlich können wir auf eine angebotsseitige Möglichkeit verweisen: GLP-1-Agonisten. Diese Medikamentengruppe, vor allem durch das ursprünglich off-label genutzte Diabetesmedikament Ozempic bekannt, führt zu zuverlässigem Gewichtsverlust, selbst nachdem die Behandlung ausgesetzt wurde. In der Schweiz sind Wegovy (Semaglutid, derselbe Wirkstoff wie Ozempic) und Mounjaro (Tirzepatid) zugelassen. Die bisherigen Studien, vor allem aus den USA, sind sehr ermutigend. Es ist damit zu rechnen, dass wir erst den Beginn einer Revolution miterleben, die im besten Fall die Lebensqualität der gesamten Gesellschaft erhöht. Zur Wirkung dieser Medikamente muss festgehalten werden, dass sie den Gewichtsverlust nur durch eine Reduktion des Appetits bewirken. Die behandelten Patienten essen also weniger, während sie behandelt werden, und erfahren dadurch im Schnitt eine positive Änderung ihrer Ernährungsgewohnheit, die auch nach der Behandlung noch anhält.
Was daran aber politisch stossend ist: sind wir gezwungen, zuzuschauen, wie die zum Übergewicht Veranlagten sich zuerst krank fressen, um dann über die Krankenkasse Medikamente zu beziehen, die sie nie gebraucht hätten, wenn man das Verhalten nie toleriert hätte? Wiederum betrifft dies, wie oben erwähnt, ja überwiegend die Alten, welche nicht nur bereits unverhältnismässig stark aus den Krankenkassen beziehen, sondern auch eine Mehrheit der Bevölkerung stellen. Wir können uns mit einer nüchternen Rechnung fragen, was uns günstiger kommt: Die Dicken dick sein lassen oder ihnen die Spritze zahlen.
Darüber hinaus wünschte ich mir doch, dass man politischen Mut fasst. Wenn wir schon den Beleg haben, dass eine Änderung der Ernährung einen Effekt zeigt - warum können wir dann, im Zeitalter der allgegenwärtigen, invasiven und in ihrer Regulierungswut kaum zu bändigenden Mutter Staat nicht den unteren Bildungsschichten den Ernährungsplan vorschreiben? Warum nicht diesen zahnlosen nachfrageseitigen Massnahmen die nötigen Zähne verleihen? Man denke daran, wie viele Hebel in Bewegung gesetzt wurden, um den Rauchern den Tabak zu verleiden, um eine Vorstellung zu haben, wie viel Luft hier noch nach oben ist.








