Von: Hiram de la Bédoyère (X: @hiramthe3rd). Bild: The Ancient of Days, William Blake, 1794
Ich wandere seit Jahren durch abgelegene Regionen Nordeuropas. Das Bild ist immer dasselbe: verwaiste Dorfkirchen, geschlossene Gasthäuser, junge Menschen, die fortzogen. Nicht durch Zwang. Durch das Schweigen der Möglichkeiten. Dort habe ich erfahren, was Entfremdung bedeutet – nicht als Konzept, sondern als leere Fensterbank an einem Dienstagnachmittag im September.
Die Entstehung des modernen Nationalstaats im 18. und 19. Jahrhundert markiert einen der tiefgreifendsten Einschnitte in die Geschichte der Menschheit. Wo einst kleine Gemeinschaften, Dörfer und Stammesverbände den Horizont des sozialen Lebens bildeten, da traten nun kolossale Gebilde auf. Millionen Fremde unter demselben Namen: Volksangehörige.
Ferdinand Tönnies nannte dies den Übergang von Gemeinschaft zu Gesellschaft. Es war der fundamentale Bruch zwischen zwei Existenzformen: Auf der einen Seite die Gemeinschaft – organisch, getragen von einem „Wesenstransfer“, in dem das Miteinander ein Selbstzweck ist, verwurzelt in Familie, Nachbarschaft und geteiltem Glauben. Auf der anderen Seite die kühle Gesellschaft des Nationalstaats – mechanisch, kontraktuell, geleitet vom „Kürwillen“, wo der andere nicht mehr Nächster ist, sondern Geschäftspartner, Konkurrent oder anonymer Mitbürger. Wo einst das Gesetz des Blutes und des Bodens eine wortlose Vertrautheit schuf, regiert heute der Vertrag. Ich frage mich heute: War das wirklich ein Gewinn? Oder ein Verlust, der sich erst nach hundert Jahren zeigte? Der Nationalstaat ist der administrative Vollstrecker dieses Übergangs; er goss die Kälte der Gesellschaft in Gesetze und Grenzen.
Die anthropologische Lücke
Der Mensch entwickelte sich evolutionär in Gruppen, deren Grösse der sogenannten Dunbar-Zahl entspricht – meist weniger als 150 Individuen. Das ist keine aus der Luft gegriffene Zahl. Sie beschreibt die maximale Anzahl stabiler sozialer Beziehungen, die das menschliche Gehirn bewältigen kann.
In solchen Zusammenhängen kannte man den Nächsten. Man sah die Folgen des eigenen Handelns. Man war eingebunden in ein Geflecht aus Gegenseitigkeit und Verpflichtung. Die Gemeinschaft war kein Konzept, sie war gelebte Realität.
Mit dem Nationalstaat wurde diese Unmittelbarkeit durch eine symbolische Identität ersetzt. Der Nationalbürger gehört einer imaginären Gemeinschaft an, definiert durch Sprache, Territorium oder Staatsbürgerschaft – nicht durch direkte Bekanntschaft. Benedict Anderson prägte den Begriff der Imaginären Gemeinschaften. Menschen fühlen sich verbunden, obwohl sie einander niemals begegnen werden.
Diese Abstraktion war notwendig. Ohne Vertrauen auf Distanz wären Handel, Rechtsstaatlichkeit und technologischer Fortschritt kaum denkbar gewesen. Doch wie hoch war der Preis dieser Erweiterung?
Byung-Chul Han beschreibt in Das Verschwinden der Rituale eine Gesellschaft, die vernetzt ist, aber keine Bindungen mehr hat. Wir kommunizieren permanent, verbinden uns digital, während die substanziellen Beziehungen verkümmern. Der Nationalstaat bildet hierfür den institutionellen Rahmen: Er schafft eine Identität ohne Körper. Eine Zugehörigkeit ohne Begegnung.
Das System
Dahinter liegt etwas Hartes, Unbarmherziges. Wenn der Staat eine abstrakte Identität schafft, erschafft er zugleich die Möglichkeit, diese für Zwecke einzusetzen, die weit über das Wohlergehen konkreter Gemeinschaften hinausgehen.
Der Bürger wird zum Akteur in einem grösseren Spiel, dessen Regeln er oft nicht versteht. Seine Loyalität richtet sich auf abstrakte Symbole – Flagge, Hymne, Staatsmonopol. Die tatsächlichen Entscheidungen fallen woanders: in Bürokratien, Konzernen und internationalen Gremien. Fernab der unmittelbaren Einflussnahme.
Robert Putnam dokumentierte in Bowling Alone den Zusammenbruch des sozialen Kapitals in Amerika seit den 1970er-Jahren. Vereinsmitgliedschaften sinken. Politische Partizipation nimmt ab. Das Vertrauen in Institutionen bricht weg. «Wir bowlen allein.» Lakonisch. Treffend. Selbst in der Freizeit fehlt die Gemeinschaft.
Dies ist keine blosse Beobachtung, sondern das Symptom einer tiefer liegenden Entstrukturierung. Die Entfremdung besteht darin: Der Einzelne glaubt, Teil eines vermeintlich grossen Ganzen zu sein. In Wirklichkeit wird er isolierter als je zuvor. Die Verantwortung für das Gemeinwohl wird an staatliche Institutionen delegiert; die Verantwortung gegenüber dem konkreten Nachbarn schwindet.
E.F. Schumacher formulierte es in Small is Beautiful bereits warnend: «Wenn der Mensch nur noch als Produktionsfaktor gesehen wird, dann ist seine Würde verloren.» Heute klingt diese Diagnose nicht mehr alarmierend – sie hat sich schlicht bestätigt. Der Mensch ist ein Datenpunkt. Konsument. Steuerzahler. Selten mehr als das.
Die Pathologien
Was folgt, ist messbar und beängstigend.
Isolation: In Japan spricht man von Hikikomori – Menschen, die sich jahrzehntelang aus dem sozialen Leben zurückziehen. Auch im Westen explodieren die Zahlen. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Einsamkeit längst als epidemisches Gesundheitsproblem, vergleichbar mit Rauchen oder Fettleibigkeit.
Anomie und Zerfall: Émile Durkheim beschrieb in Le Suicide den Zusammenhang zwischen sozialer Integration und Suizidraten. Gesellschaften mit schwachen sozialen Bindungen weisen signifikant höhere Selbstmordraten auf. Länder mit hoher Individualisierung und niedriger Gemeindebindung zeigen bis heute erhöhte Raten psychischer Erkrankungen.
Geburtenrückgang: Vielleicht das dramatischste Indiz. Wo die Reproduktion der Gemeinschaft nicht mehr organisch gelebt, sondern durch die Logik der Verwertbarkeit behindert wird, stirbt die Gesellschaft langsam aus. Italien, Spanien, Südkorea – überall liegen die Fertilitätsraten auf historischem Tiefstand. Der moderne Apparat, der den Einzelnen primär als Wirtschaftseinheit betrachtet, hat das Gespür für die Schöpfungskraft konkreter Gemeinschaften verloren. Er substituiert sie lieber durch mobile, austauschbare Arbeitskräfte.
Das paradoxe Versprechen
Irgendwie funktioniert es trotzdem. Ja, technischer Fortschritt und komplexe Kulturen sind nur auf dieser makro-sozialen Ebene möglich. Ohne staatliche Koordination gäbe es keine Infrastruktur, keine Forschungsförderung, keinen universellen Rechtsschutz. Doch welche Seele tauscht man dafür ein?
Die Moderne verspricht Freiheit, liefert aber oft nur neue Abhängigkeiten. Der Mensch schwankt zwischen lokaler Bindung – die ihm Sicherheit, Sinn und Gemeinschaft bietet – und globaler Vernetzung, die ihm zwar Möglichkeiten schenkt, ihn aber entwurzelt und atomisiert.
Charles Taylor beschreibt in The Ethics of Authenticity die Krise der Moderne, in der wir Freiheit gewinnen, aber Orientierung verlieren. Die abstrakte Identität des Nationalbürgers kann die konkrete Identität des Gemeindemitglieds nicht ersetzen. Sie ist zu dünn. Zu leer. Zu instrumentalisiert.
Als Werkzeug für globale Märkte funktioniert der entwurzelte Staatsbürger vorzüglich: mobil, flexibel, konsumfreudig. Als Vater? Als Nachbar? Als Mitbürger in einer lebendigen Gemeinschaft? Da ist er sich selbst zunehmend fremd geworden. Es ist kein Zufall, dass in Zeiten totaler Globalisierung die Sehnsucht nach dem Heimatlichen, dem Lokalen wieder wächst. Regionalismus und Kommunalismus sind Symptome dieses Verlangens nach einer Wiederaneignung der verlorenen Unmittelbarkeit – ein stiller Widerstand gegen die totale Abstraktion.
Die unerreichbare Rettung
Eine Rückkehr oder gar eine Reform erscheint angesichts der gewachsenen Realitäten zunehmend als Illusion. Die Hürden sind praktisch unüberwindbar geworden.
Die Technologisierung schliesst wirkliche Nähe systematisch aus. Medien sind nicht neutral, sie wirken aktiv entfremdend. Bernard Stiegler wies bereits 1994 in Technik und Zeit darauf hin: Technologie ist kein einfaches Werkzeug, sondern strukturiert unser Denken und Fühlen. Wer primär durch Bildschirme lebt, lernt andere Formen der Beziehung. Digitale Vernetzung ersetzt keine physische Präsenz; sie kompensiert den Verlust kurzfristig, nur um ihn langfristig zu vertiefen.
Die Infrastruktur des Nationalstaats ist selbst Teil des Problems geworden. Bürokratie, Zentralisierung und globale Märkte sind so eng miteinander verwoben, dass ein einzelner Schritt zurück kaum mehr möglich ist. Wie Hartmut Rosa in Resonanz beschreibt: Wir sind in einer Beschleunigungsschleife gefangen, die wir nicht verlangsamen können, ohne das gesamte System zum Stillstand zu bringen. Subsidiarität, lokale Selbstverwaltung und echte demokratische Teilhabe klingen auf dem Papier vernünftig. Doch sie kollidieren unweigerlich mit einer Ökonomie, die Skaleneffekte über menschliche Bedürfnisse stellt – und einem Staat, der Kontrolle über die Lebendigkeit des Unmittelbaren stellt.
Am Ende bleibt das paradoxe Erbe der Moderne: Der Nationalstaat hat uns aus der Enge der Tradition befreit, nur um uns in die Haltlosigkeit der Masse zu entlassen. Er hat uns zu Bürgern der Welt erklärt, während wir verlernt haben, Bürger unserer eigenen Strasse zu sein. Und so stehen wir da – perfekt verwaltet, digital unendlich vernetzt und existenziell obdachlos; stolze Mitglieder einer imaginierten Gemeinschaft, die uns alles garantiert, ausser der Wärme einer echten Begegnung.




Wie immer spannend. Aber die Frage bleibt; Wie weiter?
Der Unabomber mag diesen Artikel!
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