Von: Hugo Hügel (X: @hugohuegl); Bild: Fotografie, mit Grok bearbeitet.
Die bürgerliche Welt des neugegründeten liberalen schweizerischen Bundesstaates von 1848 konnte nur wenig anfangen mit dem kriegerischen Selbstverständnis und den Heldenfiguren der alten Eidgenossenschaft. Doch auch sie hatte ihre eigenen herausragenden Figuren – auch wenn sie Baumeister dieser bürgerlichen Welt waren und keine Krieger. Wie kein Zweiter verkörpert Alfred Escher diesen Typus.
Alfred Escher wurde 1819 in die alteingesessene Patrizierfamilie der Escher vom Glas hineingeboren. Seinem Vater Heinrich gelang es, durch Spekulation mit Ländereien und Handel mit Tabak, Baumwolle und Zucker in der Neuen Welt zu grossem Reichtum zu kommen. Solche transatlantischen Geschäfte waren eher ungewöhnlich in der Schweiz, doch wie den Eschers gelang auch vielen anderen patrizischen Familien in den reformierten Städten der Übergang von patrizischer Abgabewirtschaft in das aufstrebende Bürgertum. Dies war den Familien eher möglich, die bereits zuvor vom Handel lebten. Andere Familien, die vom Reisläufertum und Einkünften aus der Landschaft lebten, waren in einer ungünstigeren Lage. Dem Bürgertum gehörten aber auch viele an, die nicht aus den alten Patrizierfamilien stammten, etwa der Berner Jakob Stämpfli, der den Ausbau des Strassennetzes vorantrieb, oder der Winterthurer Unternehmer Johann Jakob Sulzer, auf den die Anfänge der schweizerischen Maschinenbauindustrie zurückgehen.
Der Übergang von der alten Eidgenossenschaft zum liberalen Bundesstaat verlief nicht friedlich und war in den 50 Jahren von 1798 bis 1848 von einer Reihe bürgerkriegsähnlicher innerer Konflikte geprägt. Die liberalen Kräfte waren dabei ab 1815 durchweg im Vorteil: Sie waren wirtschaftlich mächtiger und zahlenmässig überlegen. Ab 1831 waren die liberalen Kantone in der Tagsatzung in der Mehrheit und konnten die verbliebenen konservativen Kantone überstimmen. Radikale junge Liberale drängten auf eine Revision der Mediationsverfassung und waren bereit, die konservativen Orte zur Not auch militärisch zu bezwingen. Auch der junge Alfred Escher gehörte ihnen an und setzte sich massgeblich für die Ausweisung der Jesuiten aus der Schweiz ein. Andere Liberale beliessen es nicht bei Reden und Artikeln, sondern griffen zu den Waffen und versuchten gleich zweimal in den Freischarenzügen 1845 und 1846 die konservative Regierung Luzerns zu stürzen. Unter ihnen waren auch bekannte Persönlichkeiten wie der spätere Bundesrat Ulrich Ochsenbein oder der von Escher geförderte Schriftsteller Gottfried Keller. Als die liberalen Kantone 1847 im Sonderbundskrieg siegten und der liberale Bundesstaat gegründet wurde, hatte das Bürgertum endgültig gesiegt.
Diese neue liberale Elite war getragen von einem ungeheuren Fortschrittsglauben. Als die alten Hindernisse beseitigt waren, gab es endlich den Raum, ihre Grossprojekte zu verwirklichen. Diese sollten die Schweiz modernisieren und mit dem Bau des Gotthardtunnels an die aufkommenden industriellen Zentren in Norditalien und im Ruhrgebiet anbinden. Die treibende Kraft hinter diesen Plänen war Alfred Escher, schon 1849 äusserte er seine Sorge, was der Schweiz blühen würde ohne Modernisierung:
«Von allen Seiten nähern sich die Schienenwege immer mehr der Schweiz. Es tauchen Pläne auf, gemäss denen die Bahnen um die Schweiz herumgeführt werden sollen. Der Schweiz droht somit Gefahr, gänzlich umgangen zu werden und infolgedessen in der Zukunft das traurige Bild einer europäischen Einsiedelei darbieten zu müssen.»
Mit erheblichen eigenen Mitteln setzte Escher alles daran, seine Vision zu verwirklichen: In den folgenden Jahren gründete er die Nordostbahn, die Schweizerische Kreditanstalt (die spätere Crédit Suisse) zur finanziellen Absicherung seines Projektes und war auch massgeblich an der Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums (die heutige ETH) zur technischen Realisierung beteiligt. 1871 wurde die Gotthardgesellschaft gegründet mit Alfred Escher als Präsident. Gegen alle politischen Widrigkeiten setzte er sich ein für die Realisierung dieses Grossprojekts. Kostenüberschreitungen und Verzögerungen zum Trotz wurde die Gotthardbahn im Mai 1882 eingeweiht. Sie brachte die gewünschte Anbindung an die industriellen Zentren und verhinderte eine langsamere industrielle Entwicklung wie in Süditalien oder Osteuropa. Alfred Escher sollte dieses Lebenswerk nur wenige Monate überleben, schon lange hatten ihm die Widrigkeiten und die politischen Widerstände gegen das Projekt und seine Person auch körperlich zugesetzt. Am 6. Dezember 1882 verstarb Escher auf seinem Landgut.
Bis heute gilt er als Begründer der modernen Schweiz und verkörperte für liberale und bürgerliche Kreise einen ganz eigenen Heldentyp – einen Mann, der von Unternehmer- und Ingenieursgeist getragen war und dem kein Hindernis zu gross war, um ihn von seiner Vision abzuhalten. Man mag den Liberalismus und besonders seine heutigen Vertreter kritisch sehen, die Industrialisierung der Schweiz bedauern und den kulturellen Wandel, den sie bewirkt hat. Doch man kann Alfred Escher nur bewundern für sein Lebenswerk und zu Recht hat er seinen Platz unter den grossen Schweizern.
In den letzten Jahren wurde von linker und linksliberaler Seite jedoch zunehmend Kritik laut an Alfred Escher. Jene Kreise forderten «kontextualisierende Infotafeln» und eine «kritische Auseinandersetzung mit dem dunklen Erbe» der Eschers. Im Zentrum der Vorwürfe stehen dabei die Überseegeschäfte von Alfred Eschers Vater Heinrich. Dieser hatte 1821 eine Kaffeeplantage auf Kuba erworben, die von knapp 90 Sklaven bewirtschaftet wurde. In Kuba wurde diese von Heinrichs Bruder Fritz verwaltet. Als Fritz 1845 verstarb, verkauften die Eschers die Plantage. Als 1853 auch Heinrich verstarb, vererbte er seinem Sohn den Grossteil seines Vermögens. Dass die Plantage zu dem Vermögen beigetragen hat, darf mehr als bezweifelt werden, die Einkünfte aus den Geschäften mit Ländereien in der Schweiz bildeten die vorrangige Einnahmequelle für die Familie. Alfred Escher war also weder verantwortlich für den Kauf der Plantage, noch handelte er mit Sklaven oder profitierte finanziell von diesen.
Warum erhoben sich diese Stimmen trotzdem gegen Escher und haben mit der Klage des afroamerikanischen «Antirassismus-Aktivisten» Shelley Moorhead, der drei Schweizer Kantone wegen ihrer angeblichen Beteiligung an der Sklaverei verklagen will, sogar einen neuen Höhepunkt erreicht? Diese Angriffe sind vor allem aus dem Wunsch geboren, auch in der Schweiz ein Schuldnarrativ zu etablieren und einen Vertreter der alten, rassistischen und kolonialen Vergangenheit zu stürzen, wie man es während der «Black Lives Matter»-Proteste 2020 an vielen Orten in den Vereinigten Staaten und in Europa beobachten konnte. Alfred Escher eignet sich daher besonders gut als Projektionsfigur für eine als unterdrückerisch empfundene Vergangenheit.
Eine besonders schöne ironische Wendung der Geschichte liegt darin, dass auch radikale Liberale wie Alfred Escher eine ähnliche Weltsicht hatten: sie verachteten das Ancien Regime und die verschiedenen Formen der Unfreiheit, die die alte Eidgenossenschaft kannte. Sogar eine gewisse Ablehnung des Eigenen und eine Tendenz zum Angriff auf Denkmäler waren den damaligen Liberalen nicht fremd: Als 1821 in Luzern das berühmte Löwendenkmal zum Gedenken an die Treue und Tapferkeit der im Tuileriensturm gefallenen Schweizergardisten eingeweiht wurde, versuchten Liberale die Feier zu stören. Ihnen galt das Denkmal als Zeichen der verachteten alten Ordnung und die Schweizergardisten als Tyrannendiener: ihre Solidarität lag bei den republikanisch gesinnten Massen.
Einstweilen stehen die Escherdenkmäler noch unverhüllt und ohne «kritische Einordnung». So bleibt Alfred Escher eine zweigesichtige Figur: ein grosser Modernisierer und Vater der modernen Schweiz, der wie kein Zweiter für seine Vision eintrat, aber auch ein Feind der älteren Ordnung, der diese mit seinen Mitstreitern radikal beseitigte – und damit vielleicht manchen linken Escherkritiker näher ist, als beiden lieb ist.



