Von: Swiss Cheese Fan (X: @ch_cheese_1291). Bild: Die Zeit befiehlt dem Alter, die Schönheit zu zerstören, Pompeo Batoni, 1746
Ich habe kürzlich die Bestattung meines Grossvaters organisiert. Sein selbsterklärtes Ziel war es, mindestens 100 Jahre alt zu werden – und er hat es geschafft. Angestachelt wurde er unter anderem von den SRF “Gratulationen,” einer lange bestehenden Radiosendung, wo jüngere Verwandte den Älteren zu ihren runden Geburtstagen gratulieren. Ich fand seine letzten 20 Jahre extrem langweilig, und die letzten 10 Jahren endlos und mühsam. Ich bin da die Ausnahme. Verwandte scheinen in seinem Alters-Ruhm gebadet zu haben. Die Leute raunen “was, er wurde über 100 Jahre alt?” – als hätte er eine besondere Leistung erbracht – nur weil er lange nicht gestorben ist.
In der weiteren Welt ist es nicht viel anders. Ich lese Artikel über Weltenlenker, die nie sterben wollen, und ihre Staatsapparate so einsetzen, dass sie es nie tun müssen. Der Silicon Valley Lebenszeit-Guru Bryan Johnson ist auch in den Schweizer Küchen und Stuben angekommen, und es wird diskutiert, ob er vielleicht ein wenig exzessiv unterwegs ist? Aber dann ist man doch der Meinung, dass ein langes Leben ja doch etwas Schönes sei.
Im Folgenden will ich ergründen, warum Lebenszeit so wertvoll geworden ist, wieso ich dies als Problem betrachte, und welche Massnahmen ergriffen werden können — um dem Kult der Lebenszeit ein Ende zu bereiten.
Religion und Tradition
Die Diktatur der Alten, die Gerontokratie, ist tief in der Menschheitsgeschichte verwurzelt. Gewisse Kommentatoren sehen sie sogar als die Standard-Herrschaftsform an. Die Wertschätzung des Alten und der Alten scheint natürlich und ein moralischer Imperativ. In den zehn Geboten des alten Testaments ist das erste Gebot zum Thema zwischenmenschliche Beziehungen: die Eltern zu ehren.
Ausnahmen stechen umso krasser hervor: Man denke an die Kulturrevolution in der VR China. Mit dem Ziel, die “Vier Alten” (alte Denkweisen, alte Kulturen, alte Gewohnheiten und alte Sitten) zu zerstören, wurden Jugendliche und junge Erwachsene angestachelt, sich gegen ihre Älteren zu erheben. Und das taten sie – durchschlagend und brutal.
Und hier ist der Grund ersichtlich, warum Gerontokratien von jeher die Anbetung des Alten sich als Ziel gesetzt haben – gegen die physische Macht der Jungen haben sie wenig entgegenzusetzen. Somit ist der Kult der Lebenszeit eine der frühesten Psyops, generationenübergreifend durchgeführt.
Das Christentum hat dann den inhärenten Wert eines jeden Menschen als Kind Gottes bestätigt. Jedes Leben ist eine Gabe Gottes und wird sowohl von ihm gegeben, wie auch genommen. Dies war eine revolutionäre Betrachtung, als ein Menschenleben vergleichsweise kurz und wertlos war. Heute sind es oft Christen, welche Existenzen, die man kaum als lebendig bezeichnen kann, z.B. schwerkranke oder hirntote Menschen, verteidigen. Sie sehen den medizinischen Fortschritt als Mittel an, um mehr Menschen länger am Leben zu halten, was gottgefällig sein muss.
Soziale Faktoren
Während die Gerontokratie als Herrschaft weniger alter Menschen schon lange bestand, waren alte Menschen bis vor Kurzem durchaus nicht zu beneiden. Abhängig von ihren Kindern oder von der eigenen Arbeit, bis sie schliesslich durch den Tod erlöst wurden. Dieses Muster wurde völlig verändert durch die Einführung einer allgemeinen Altersrente, in den meisten westlichen Ländern Mitte des 20. Jahrhunderts. Anstelle saisonaler oder lebenszeitlich unterschiedlicher Arbeitsleistungen war das Muster nun, dass bis zu einem fixen Alter konstant gearbeitet werden muss, um danach vollständig von der Arbeit befreit zu sein. Das Erreichen des Pensionsalters wurde erstrebenswert und die Verlängerung der Lebenszeit danach zu einem Anreiz für alle Menschen.
Das Umlagesystem, in vielen Ländern nach wie vor der primäre Mechanismus, mit dem Renten bezahlt werden, hat in sich einen weiteren Anreiz, das Leben zu verlängern: Da die Beitragsdauer fixiert ist, die Bezugsdauer aber nicht, ist es natürlich erstrebenswert, so lange wie möglich eine Pension zu beziehen – denn eingezahlt hat man ja schon. Dies steht im Gegensatz zum Ansparen eines persönlichen Vermögens, wo ein solcher Anreiz nicht besteht.
Man würde nun denken, dass mit den Umwälzungen der 68er Generation, welche ja auch eine Revolution der Jungen gegen die Alten war, eine Zerstörung des Kultes der Lebenszeit einherging. Das mag in den Köpfen der jungen Revolutionären durchaus für eine Zeit ein Ziel gewesen sein. Doch nicht für lange – den langen Marsch durch die Institutionen hat es auf jeden Fall nicht überstanden. Das hat sowohl ideologische als auch allzu menschliche Gründe.
Die jugendlichen Revolutionäre wurden älter, wie es alle Menschen zu tun pflegen. Doch altern wollten und wollen sie nicht. Ihre Körper werden zwar älter, doch ihre Einstellung bleibt ewig-jugendlich, rebellisch und unreif. Somit überlagern sich nun zwei Kulte, welche eigentlich gegensätzlich sein sollten: Den der Jugend, und den der Lebenszeit. Anstatt schnell zu leben (und jung zu sterben), wollen diese ehemaligen Revolutionäre, heute Boomer genannt, auch möglichst lange leben – aber nur als Nebenprodukt des Anspruchs, sowieso gar nicht alt zu sein. Als psychologischer Cope wurde hierzu zudem das Kalender-Alter und das “wahre Alter” entkoppelt, zusammen mit dem Glauben, dass man, wenn man nur gesund und bewusst lebe, ewig jung sein könne (ein alter Traum).
Systemische Faktoren
Als weitere Komponente des Kultes ist schliesslich der extreme Fortschritt in der Medizin hinzugekommen. Neue Technologien erlauben es, Leben zu verlängern, die in früheren Zeiten viel eher geendet hätten.
Das Arbeitsprofil der meisten Menschen hat sich verändert: Anstelle von harter körperlicher Arbeit, im Freien bei Hitze und Kälte, verbringen wir die Zeit in angenehmen Räumen. Wo Kraft gebraucht wird, ist sie maschinell verstärkt.
Bei der Einführung von Rentensystemen erreichten viel weniger Menschen das Pensionsalter, und weniger lebten lange darüber hinaus. Die technologischen und medizinischen Fortschritte seit dessen Einführung haben dann die Anzahl der Alten anschwellen lassen: In der Schweiz lag der Anteil der 65+ Jährigen 1950 bei 10%, heute liegt er bei 20%. Somit hat sich dieser Anteil in den letzten 75 Jahren verdoppelt.
Das Gesundheitswesen, staatsnah, aber vielfach privat organisiert und Gewinne abschöpfend, ist eines der treibenden organisierten Kräfte des Kultes. Für diese Akteure bedeutet jedes Lebensjahr mehr Behandlungen, mehr Gewinn – von den Jungen bezahlt.
Die Klassenkritik erhebt Opfer zu Anspruchsgruppen, für deren Rechte gekämpft wird und welche dann Klientel werden. Die Masse der Alten ist die grösste Opfergruppe, und braucht nicht einmal besondere andere Attribute wie Sexualität oder Herkunft – nur ein runder Geburtstag reicht aus. Somit wurde der Mechanismus, der Anspruchsgruppen hergestellt hat, auch auf das Alter angewendet.
Ein sich selbst verstärkender Kreislauf ist nun im Gange: Das Schwergewicht der Bevölkerung verschiebt sich zu den Älteren, welche sodann als Anhänger des Kultes organisiert nach Klassenkriterien bessere Betreuung für ihre Gruppe fordern, oft erfolgreich – was den Kult nochmals verstärkt. Und er kostet: Fast die Hälfte der Ausgaben des Gesundheitswesens werden von Pensionären konsumiert. Der Kult hat die Gesamtbevölkerung davon überzeugt, für Personen, welche nie mehr produktiv sein werden, sehr viele Ressourcen aufzuwenden.
Beginnende Skepsis
Es ist nicht so, dass der Kult von allen mitgetragen wird. Eine zaghafte Skepsis hat sich entwickelt, welche trotz der Mächtigkeit des Kultes sogar ab und zu in den Massenmedien thematisiert wird. Oft ist der unmittelbare Anlass die Sterbehilfe. Das Drama um den Sterbe-Apparat (auch “Suizidkapsel” genannt) Sarco ist in bester Erinnerung. Dieser Kunstoff-Sarg erlaubt die Selbsttötung durch die Verdrängung von Sauerstoff mittels Stickstoff. Dessen Ersteinsatz endete in einem juristischen Skandal und ironischerweise dem Freitod des Organisators.
Doch viel leiser und auch im Familienkreis wird diskutiert, wie Eltern und Grosseltern Jahrelang in einem Zustand des Zwielichtes und des körperlischen Zerfalles existierend gehalten werden, bevor sie durch den Tod schliesslich erlöst werden. Mit dem dahingehenden Aufwand – an Zeit, Nerven, Emotionen. Denn die juristische Konzeption des schützenswerten alten Lebens ist durch zwei Grundsätze strukturiert: 1) einen Freitod wählen kann man nur, wenn man urteilsfähig ist, 2) es soll vermieden werden, dass zukünftige Erben Druck auf eine (womöglich nicht urteilsfähige) Person ausüben können. Zusammen führt das dazu, dass ein bewusster Freitod nur in Frage kommt, wenn man dies gar noch nicht tun müsste. Das Resultat ist dann, dass eine alte Person, und ehemalige Anhängerin des Kult des Lebens, langsam sich zersetzt, und danach das kraftvolle und staatliche Lebenserhaltungs-System in Gang gesetzt wird.
Im internationalen Vergleich ist die Schweiz aber sogar liberal bei den Gesetzen zur Sterbehilfe, zusammen mit einigen anderen mitteleuropäischen Ländern und Spanien. Es wird zwischen der aktiven Sterbehilfe, dem begleiteten Suizid und der passiven Sterbehilfe unterschieden. Bei der aktiven Sterbehilfe wird dem Patienten ein tödliches Medikament verabreicht. Beim begleiteten Suizid erhält der Patient das Mittel, muss es aber selbst einnehmen. Passive Sterbehilfe bedeutet den Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen. In der Schweiz ist die aktive Sterbehilfe verboten, der begleitete Suizid aber erlaubt. [nzz]
Dass die Pensionssysteme der westlichen Staaten durch den Geburtenrückgang in ein fatales Ungleichgewicht gestürzt werden, ist schon vielfach diskutiert worden. Desgleichen, dass die einzige Lösung, welche von den Experten und Eliten verfolgt wird, die kontinuierliche Einwanderung in die Systeme ist. Jedoch ist der Geburtenrückgang fast-global, und selbst wenn all die negativen Effekte der Massenimmigration magisch behoben werden könnten, wird es auf absehbare Zeit so sein, dass nachfolgende Generationen weniger zahlreich sind als die Generationen, welche pensioniert werden. Es drängt sich als zweite Lösung auf, die Lebenszeit nach der Pension zu verkürzen, zu Gunsten der Jungen und Produktiven. Um dies zu tun, muss der Kult der Lebenszeit gebrochen werden.
Aber wie?
Der Kult ist vielfältig in unseren Köpfen, in unseren Herzen, in unseren Gesetzestexten und in unseren Systemen verankert. Um sich ihm zu widersetzen, muss dementsprechend auch auf verschiedenen Ebenen angesetzt werden.
Am schwierigsten zu ändern ist die alles durchdringende Kultur der Sicherheit und der Ungefährlichkeit, welche im Umkehrschluss darauf angelegt ist, unsere Körper vor allem zu schützen, was das Leben verkürzen könnte. Der Alkoholkonsum wird verteufelt, den Autos wird die Geschwindigkeit abgeregelt, und die Nährstoffzufuhr wird optimiert. Auch unsere Seelen werden als schützenswert und zerbrechlich erachtet – jeder hat ein Trauma, jede schlechte Erfahrung ist nicht ein Anlass für Introspektion und Wachstum, sondern ein zusätzlicher Grund, uns noch mehr einzuigeln in einer sehr engen Komfortzone. Sogar, und das ist das vielleicht Schlimmste, unsere Geschichten dürfen nicht mehr tragisch oder gewalttätig oder lebens-verherrlichend sein. Jeder Aspekt des modernen Existierens wurde dahingehend geändert, dass er “sicher” sein muss.
Doch es besteht Hoffnung. Wenn ein Artefakt sich über den Einheitsbrei erhebt, und sogar im Jahr 2026 das Risiko, das Heroische zelebriert, wird es gierig konsumiert. Der Zweiteiler über Charles de Gaulle, “Resistance” / “Liberté”, hat in Frankreich schon über 5 Millionen Eintritte verkauft – man rechnet mit bis zu 6 Millionen. Das sind fast ein Zehntel der gesamten Bevölkerung! Gefährliche Sportarten wie Parkour, BASE-Jumping und Free Climbing werden zumindest bewundert, wenn auch nicht in der Breite ausgeübt – dafür sind wir dann doch zu schlaff.
Contra dem Kult ist auch die Lebenslust und Immaturität der Altersgruppe der 55- bis 65-Jährigen. So steigen zwar die Infektionen mit STIs in allen Altersgruppen an, aber bei dieser Gruppe am stärksten. Diese Generation scheint zwar auch ewig leben zu wollen, gleichzeitig ist sie auch sehr hedonistisch. Diese Generation hat auch Eltern, oder zumindest Eltern von Bekannten, die langsam ihrem Ende entgegen gedämmert sind, selbst leidend und auch Leiden verursachend. Es ist eine Generation, welche durchaus dafür empfänglich sein könnte, für mehr Lebensfreude einen Abstrich an Lebenszeit in Kauf zu nehmen.
Somit gilt es, die letzten 5-10 Jahre eines typischen Altersschicksales negativ zu konnotieren – als das, was es ist: praktisch kein Leben mehr, nur mehr ein Existieren. Und anstelle der Utopie nachzueifern, den eigenen Niedergang immer mehr hinauszuzögern, ist es viel schöner, intensiv zu leben und früh und selbstbestimmt zu sterben.
Der progressive Kulturbetrieb lebt vom Neuen und dem Schock-Wert. Es ist eine Frage der Zeit, bis dieses Thema entdeckt und verwertet wird. Das kann durchaus auch mit einer negativen Konnotation geschehen. Trotzdem wird sich die Idee festsetzen. Bevor dies geschehen kann, muss es ein Einfallstor geben, dass das Tabu brechen kann, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Das Einfallstor kann gut die zeitgenössische Kunst sein. Die Suizidkapsel Sarco wurde erwähnt. So unappetitlich diese Episode erscheint, so hat sie doch für viel Publizität gesorgt. Der Künstler und Held nachfolgender Produktionen sollen jedoch nicht die Helfer, sondern der Sterbewillige sein.
Der medizinisch-systematische Komplex hat sich tief eingegraben. Es gibt viele Profiteure dieses Systems, welche unter dem Deckmantel der moralischen Notwendigkeit alte Körper als Ressourcen betrachten, um sie so lange wie möglich existierend zu halten. Vom Aufschrei über Death Panels bis zu den jetzigen Euthanasie-Diskussionen können sie im Hintergrund bleiben – die Speerspitze des Kultes sind oft Christliche Gruppen. In der Praxis, aber nicht in der Theorie, wird Medizin schon rationiert, offen darüber geredet wird nicht. Die öffentliche Diskussion hat keine Probleme damit, diesen Komplex als bösartig und profitorientiert darzustellen, wenn es z.B. um teure Medikamente oder unnötige Therapien geht. Das Bewusstsein dafür, dass diese Akteure auch dann in ihrem Eigeninteresse arbeiten, wenn sie das alte und schlechte Leben noch verlängern wollen – muss noch geschaffen werden.
Erstaunlicherweise ist die juristische Ebene die vergleichsweise einfachste, wo etwas zu bewegen wäre, denn es bestehen klare Lücken und auch ein gewisser Bedarf, diese zu füllen. In der Schweiz könnte dies sogar mit Hilfe einer Volksinitiative geschehen. Wie oben beschrieben, kann Sterbehilfe nur in Anspruch genommen werden, wenn einem bescheinigt wird, dass man urteilsfähig ist. Ansonsten machen sich die Helfer strafbar. Dementsprechend haben sich die grossen Organisationen wie EXIT und Dignitas mit der jetzigen Lösung abgefunden, und auch im Parlament findet sich keine Mehrheit für Änderungen. Die aktuellen Debatten drehen sich um die Öffnung von Heimen, so dass Heimbewohner ihren Freitod in diesen vollziehen können.
An den Grundsätzen wurde in der Schweiz nicht gerüttelt. Die Niederlande bieten die Möglichkeit, für das zukünftige, demente Selbst zu entscheiden – und ermöglichen somit das straffreie Töten desselben. Jedoch muss dann ein Arzt über diesen Tod entscheiden, so dass dies nicht oft passiert – was auch verständlich ist. Keiner ist wirklich willig, oder nur schon von seiner Rolle her zuständig, um zu tun, was eigentlich getan werden müsste.
Eine Volksinitiative würde 1) die aktive Sterbehilfe erlauben, und 2) erlauben, dass man für sein zukünftiges Selbst selbst entscheiden kann. Ganz wichtig müssten auch die Akteure so definiert sein, dass sie es wagen können, diesem Willen des Gesetzgebers zu entsprechen. Medizin-Personal, auf das Erhalten und Verbessern von Leben spezialisiert, hat nicht die richtigen Anreize, zu entscheiden. Eine Alternative könnte eine spezielle Form von Richter sein. Richter sind ja schon jetzt dafür zuständig, über menschliche Schicksale zu urteilen, und ihnen kann ein Urteil im Sinne der Person, welche ihre Fakultäten verloren hat, eher zugetraut werden.
Man sollte die moralische Last, jemanden zum Tode zu urteilen, möglichst leicht zum (er-)tragen gestalten. Bei Exekutionen durch Erschiessen wird manchmal eine “Gewissenspatrone” verwendet: Einer der Schützen erhält unwissend eine Platzpatrone anstelle der scharfen Munition. Äquivalent kann ein Gremium von Lebens-Richtern so konstruiert werden, dass nie ein Richter die endgültige Gewissheit hat, allein im Sinne des Lebenden sich für dessen Tod entschieden zu haben.
Neben dem Inhalt der Initiative ist die Rahmung eminent wichtig, da diese Initiative auch zum Angriff auf die anderen Säulen des Kultes dienen soll. Es kann z.B. die “Lebensqualitäts-Initiative” sein, und in empathischer Sprache abgefasst sein – es geht um die Vermeidung des eigenen Leidens und auch des Leidens der Angehörigen, welche mit ansehen müssen, wie eine geliebte Person schwindet.
Dass hier der Tod in den Vordergrund gerückt wurde, liegt in der Natur der Begegnung mit einem Kult, der diesen immer weiter hinauszögern will. Doch viel wichtiger ist es, einen Unterschied zu machen zwischen der Existenz eines lebenden Körpers und einem tatsächlich lebendigen, gelebten Leben. Dieses Leben ist es, welches ich zelebrieren will: Gelebt mit Mut, Risiko und Wagemut, etwas zu erreichen.
Darum zum Ende ein Motto, fast schon so alt wie mein Grossvater geworden ist, als Gegenmittel zu all den Kultisten:
“Live fast, die young, and leave a good-looking corpse.”
— Mrs. Irene L. Luce, 1920



